|
Retina Suisse Die Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Retinitis pigmentosa (RP), Makuladegeneration, Usher-Syndrom und anderen degenerativen Netzhauterkrankungen |
* Prof. Dr. med. Charlotte E. Remé, Dr. Farhad Hafezi, Laboratorium für Zellbiologie der Netzhaut, Universitäts-Augenklinik, Zürich Es ist fast eine Binsenweisheit, dass Licht für alles Leben auf der Erde unerlässlich ist, weniger bekannt ist dagegen, dass bestimmte «Farben» (Wellenlängen) des Lichts das Auge von Mensch und Tier gefährden können. Für das menschliche Auge wahrnehmbares Licht nimmt einen sehr kleinen Teil des gesamten elektromagnetischen Spektrums ein und kurzwelliges blaues Licht umfasst etwa 1/6 des sichtbaren Bereichs. Aber gerade das energiereiche blaue Licht ist es, das die Netzhaut und das retinale Pigmentepithel irreversibel schädigen kann. Gesetze der Photochemie und Transmission der optischen Medien des Auges. Das erste Gesetz der Photochemie besagt, dass nur Licht, das von einem Molekül absorbiert wird, eine photochemische Wirkung auf dieses Molekül ausüben kann. Auf biologische Gewebe bzw. das Auge bezogen bedeutet dies, dass nur diejenigen Gewebe, die Licht eines bestimmten spektralen Bereichs absorbieren, von diesem verändert (geschädigt) werden. Daher ist es unerlässlich, Transmission und Absorption von Augengeweben zu kennen, wenn von Lichtschäden die Rede ist. Während die Hornhaut überwiegend kurzwelliges ultraviolettes Licht (UVC und UVB) absorbiert, gelangt ein Teil von UVB sowie UVA bis zur Linse und wird dort aufgenommen. Sichtbares Licht von 400 bis 700 nm ist dasjenige, welches die Sinneszellen der Netzhaut erreicht und dort den Sehreiz auslöst. Das meiste infrarote Licht wird wiederum von den optischen Medien vor der Netzhaut abgefangen. Wichtig für den Augenarzt und den Sinnesphysiologen ist die Beobachtung, dass sich mit dem Alter die Transmission der optischen Medien qualitativ und quantitativ verändert, überwiegend bedingt durch molekulare Veränderungen in der Linse, die unter Licht- und UV-Einfluss die gelben Lin- senpigmente bildet und damit vermehrt blaues Licht von der Netzhaut abhält. Lichtschäden von Netzhaut und Pigmentepithel. Die Möglichkeit, dass sichtbares Licht die menschliche Netzhaut schädigen kann, ist schon seit fast hundert Jahren bekannt, sogar aus der Antike sind anekdotische Berichte überliefert. Systematische tierexperimentelle Studien begannen nach Werner Noells grundlegender Entdeckung von Schäden durch weisses Fluoreszenzlicht in Laboratoriumstieren. Auch Blaulicht- Schäden, der sogenannte «blue light hazard» in der angelsächsischen Literatur, sind schon vielfach beschrieben worden. Heutiger Stand des Wissens. Bereits in frühen Studien wurde das Stäbchenpigment Rhodopsin als Vermittler des Lichtschadens indirekt gezeigt. Unser Labor konnte dann eindeutig beweisen, dass in der Tat das Rhodopsin für das Sterben der Photorezeptoren durch Licht verantwortlich ist. Wird nach Belichtung die Regeneration des Sehpigments im Zuge des visuellen Zyklus blockiert, zum Beispiel durch das Narkose-Gas Halothan, so entstehen keine Lichtschäden. Ähnliche Ergebnisse erhält man, wenn der visuelle Zyklus verlangsamt oder unterbro- chen wird. Umgekehrt ist die Schadensanfälligkeit deutlich erhöht, wenn die Regeneration des Sehpigments rasch erfolgt. Blaulichtschäden der Netzhaut. Wie kann das Stäbchenpigment Rhodopsin, dessen Absorptionsmaximum bei 500 nm liegt, dennoch Blaulichtschäden vermitteln? Warum bewirkt im Gegensatz dazu grünes Licht, das im Bereich des Absorptionsmaximums der Stäbchen liegt, keine Schäden? Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn man die Photochemie zu Hilfe nimmt. Grünes Licht «bleicht» sehr rasch das Rhodopsin, das zerfällt, im Photorezeptor den Sehreiz auslöst, in das Pigmentepithel transportiert wird und im Zuge des visuellen Zyklus regeneriert. Das heisst, potentiell schädliche Zerfallsprodukte des Rhodopsins verlassen rasch den Photorezeptor. Ganz anders verhält es sich mit dem blauen Licht. Das Rhodopsinmolekül wird «gebleicht» wie nach Belichtung mit grünem oder weissem Licht, nur deutlich langsamer. Was passiert also, wenn energiereiches, blaues Licht auf die Netzhaut trifft? Das Rhodopsin wird relativ langsam gebleicht, die entstehenden Zwischenprodukte können ihrerseits blaues Licht absorbieren und in ein rhodopsin- ähnliches Molekül «zurückverwandelt» werden, das wiederum durch Blauabsorption gebleicht wird. Es bildet sich ein in diesem Zusammenhang als «bösartig» zu bezeichnender Zirkel, der es ermöglicht, dass photochemische Produkte ein Todessignal an die Gene der Sinneszellen senden. Man beobachtet den Zelltod durch Apoptose. Nur das energiereiche, blaue Licht vermag diesen tödlichen Zirkel auszulösen. Unsere Studien an transgenen Mäusen, denen verschiedene Komponenten der sogenannten Phototransduktion, der Bildung des Sehreizes, fehlen, konnten zeigen, dass die Blaulichtschäden unabhängig vom Sehreiz entstehen. Zwar ist das Rhodopsinmolekül der entscheidende Vermittler, ohne den es keine Schäden gibt, aber die Phototransduktion vermittelt diese Schäden nicht. Blaulichtschäden des retinalen Pigmentepithels. Was bewirkt nun blaues Licht im retinalen Pigmentepithel? Auch hier finden sich Lichtsensoren, die einen Schaden auslösen können. Indirekte Hinweise belegen, dass die Lichtsensoren aufgrund ihrer Eigenschaften zur Entstehung der altersabhängigen Makuladegeneration beitragen. Das Alterspigment Lipofuszin akkumuliert im Laufe des Lebens in den Pigmentepithel-Zel- len, ganz besonders im Bereich der Makula. Lipofuszin nun absorbiert blaues Licht und generiert dadurch toxische Photoprodukte, welche die Zellfunktion schädigen und zur Expression entzündlicher und angiogener Zytokine führt. Melanin spielt wahrscheinlich eine Doppelrolle, indem es einerseits Licht absorbiert und dadurch die Photorezeptoren schützen kann und andererseits ähnlich wie Lipofuszin ein lichtabhängiger Generator von Radikalen ist. Besondere Bedeutung kommt einer Retinoid-Komponente des Lipofuszins zu, dem A2E (N – Retinyl – N – Retinylidene Ethanolamin). A2E trägt zur Autofluoreszenz des Pigmentepithels bei, die in Form einer in vivo Messung als wichtiger prognostischer und diagnostischer Faktor bei AMD genutzt wird. A2E inhibiert essentielle zelluläre Funktionen und löst den apoptotischen Tod der Pigmentepithel-Zellen aus. Sehr wichtig ist die Beobachtung, dass auch A2E blaues Licht absorbiert und dadurch Zellschäden deutlich verstärkt werden. Endogene und exogene Schutzfaktoren: Aufgrund der hohen Gefährdung von Netzhaut und Pigmentepithel durch Lichtbelastung einerseits und hohe Sauerstoffsättigung andererseits (neben dem Gehirn zeigen die Photorezeptoren den höchsten Sauerstoffverbrauch des Körpers) besitzen die Zellen verschiedene antioxidative und antiapoptotische Schutzsysteme. Die Makula enthält ausserdem das «gelbe Pigment», Lutein und Zeaxanthin, dem sie den Namen Makula lutea verdankt. Diese Schutzsysteme sind jedoch in verschiedener Stärke ausgeprägt und können mit zunehmendem Alter abnehmen, sodass die Entstehung degenerativer Netzhauterkrankungen begünstigt wird. So bietet es sich an, die Schutzsysteme im Sinne von Prophylaxe und Therapie zu ergänzen. Ausblick. Ausführliche anatomische Studien an menschlichen Augen konnten belegen, dass in den zentralen 28 Grad der Retina mit dem Alter ein etwa 30%iger Stäbchenverlust eintritt, wogegen die zentralen Zapfen viel länger überleben. Bei AMD ist dieser Stäbchenverlust ein frühes Ereignis und stärker ausgeprägt als in normalen, altersgleichen Augen. Daher könnte der frühe Zelltod der Stäbchen ein wichtiges pathogenetisches Ereignis bei AMD sein. Auch im Lipofuszin des Pigmentepithels liegt eine signifikante pathogenetische Komponente, die zu Störungen und Tod der Pigmentepithel-Zellen führen kann. Sowohl Stäbchen als auch Pigmentepithel-Zellen sind besonders schadensanfällig durch blaues Licht. Ein neuartiger, vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung einer intraokularen Linse, die einen Blau-Blocker enthält und somit die Netzhaut und das Pigmentepithel vor den gefährlichen energiereichen Strahlen schützen kann. Die menschliche Linse absorbiert mit zunehmendem Alter vermehrt Blaulicht und hält es so von der Netzhaut fern. Ein Blaufilter ist daher von grossem Nutzen nicht nur für junge sondern auch ältere Augen, denen die eigene Linse wegen einer Katarakt (grauer Star) entfernt werden muss. Auch der subjektive Komfort der Patienten wird erhöht sein, da Blendungserscheinungen und verändertes Farbsehen in wesentlich geringerem Masse auftreten werden als nach Implantation einer filterlosen intraokularen Linse. Literatur: Auf Verlangen bei Retina Suisse erhältlich Hinweis der Redaktion: Falls Sie sich einer Grauen-Star-Operation unterziehen müssen, besprechen Sie diesen Aspekt (Schutz vor dem Licht) unbedingt mit Ihrem Augenarzt! Bardet-Biedl-Syndrom. Das Bardet-Biedl-Syndrom, auch Laurence-Moon- Bardet-Biedl-Syndrom genannt, trägt diese Bezeichnungen nach dem französischen Arzt G. Bardet, dem Prager Pathologen und Endokrinologen A. Biedl, dem britischen Diabetologen R. D. Laurence und dem britischen Augenarzt R. G. Moon. Als Bardet-Biedl-Syndrom (BBS) bezeichnet man ein Krankheitsbild, das mehrere Merkmale (Symptome) aufweisen kann. Neben einer rasch fortschreitenden Retinitis pigmentosa (RP) können zahlreiche weitere Komplikationen in unterschiedlicher Kombination und mit verschiedenem Schweregrad vorkommen. Dazu gehören: - überzählige Finger und/oder Zehen (Polydactylie), die in der Regel im Kindesalter entfernt werden. Durch dieses Begleitmerkmal wird das BBS frühzeitig erkannt; - eine unterschiedlich ausgeprägte, bereits im Kleinkindalter auftretende Fettleibigkeit (Adipositas); - geistige Entwicklungsverzögerung (mentale Retardierung); auch bei normaler Intelligenz sind die Betroffenen häufig antriebsarm, langsam, emotional unreif; - eine Unterentwicklung der Geschlechtsteile (Genitalhypoplasie, häufiger bei männlichen Betroffenen); - Nierenerkrankungen, die von unterschiedlicher Art sein können. Sehr viel seltener kommen noch weitere Symptome hinzu, zum Beispiel Herzmissbildungen, Leberfunktionsstörungen, Morbus Hirschsprung, Diabetes mellitus, Sprachstörungen (Disgrammatismus). Verlauf Die Sehstörungen beginnen in der Regel im Kindergarten- bzw. Grundschulalter und können sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Je nachdem, ob die Degeneration als Stäbchen- Zapfen-Form mit dem typischen Verlauf einer Retinitis pigmentosa beginnt oder als Zapfen- Stäbchen-Form (gelegentlich als «inverse RP» bezeichnet) in der Netzhautmitte als Zentralskotom beginnt, stehen eine zunehmende Gesichtsfeldeinschränkung bis hin zum «Tunnelblick» oder sich früh bemerkbar machende Einschränkung des zentralen Sehens im Vordergrund. Abhängig von den zuerst betroffenen Rezeptorzelltypen (Zapfen oder Stäbchen) ist auch der Schweregrad der Beeinträchtigung. Die Blendempfindlichkeit ist erhöht und eine Anpassung an sich verändernde Lichtverhältnisse wird zunehmend schwieriger. Dazu kommen Nachtsehprobleme bis hin zur Nachtblindheit. Diese Symptome sind typisch für Netzhauterkrankungen, die hauptsächlich die Stäbchen betreffen. Eine Störung des Farbsehens tritt auf bei vorwiegend die Zapfen betreffenden Netzhautdystrophien: Helle Farben werden nur noch schlecht unterschieden. Auch die Sehschärfe (Visus) ist in diesen Fällen früher vermindert und fällt langsam auf etwa 10 Prozent Restsehvermögen. Schielen (Strabismus) und Augenzittern (Nystagmus) kommen häufig hinzu. Auffälligkeiten im motorischen und emotionalen Bereich. Viele BBS-Patienten fallen auf durch Bewegungsarmut, schwerfällige, plumpe, ungelenke, verlangsamte, kraftarme, ängstlich-verkrampfte Bewegungen. Sie zeigen erhebliche Koordinationsschwächen, fein- und grobmotorische Störungen. Verspäteter Beginn des freien Laufens und Sprechens ist typisch. Ein Grossteil zeigt wenig geistige Neugier und Fantasie und neigt dazu, Neuem mit Abwehr und Reaktionslosigkeit zu begegnen; ihre Reaktionen sind verzögert; sie sind lieber reproduktiv tätig als kreativ. Viele BBS-Patienten haben emotionale Probleme, vor allem Ängstlichkeit, Empfindlichkeit und Labilität. Auch die verständliche Angst vor Er- blindung, die ja vorweg zunehmend in der Situation der Nachtblindheit erlebt wird, ist stark vorhanden. Konflikten wird meist aus dem Weg gegangen. Viele, auch ältere Patienten, reagieren mit Weinerlichkeit. Offene Aggressivität kommt fast nie vor. Soziale Kontakte zu Gleichaltrigen finden die betroffenen Personen nur schwer; lieber schliessen sie sich Erwachsenen an. Typischer augenärztlicher Befund. Als typische augenärztliche Befunde der vorderen Augenabschnitte findet man Kurzsichtigkeit (Myopie), Hornhautverkrümmung (Astigmatismus oder Stabsichtigkeit) und Trübung der Augenlinse (grauer Star/Katarakt). Im hinteren Augenabschnitt sind die Befunde abhängig davon, welcher Rezeptorzelltyp zuerst gestört ist. Im Falle einer Stäbchen-Zapfen-Dystrophie findet man zunächst Veränderungen im mittleren Randbereich der Netzhaut: Schwund der Pigmentepithelschicht, Ablagerungen (so genannte Knochenkörperchen), Rückbildung des Sehnervkopfes (Papillenabblassung) und Blutgefässverengungen in der Netzhaut. Der Degenerationsprozess schreitet nach innen und nach aussen fort. Bei einer Zapfen-Stäbchen-Dystrophie stehen Veränderungen der Netzhautmitte im Vordergrund (unter anderem Pigmentverschiebungen und abnorme Lichtreflexe auf der Netzhautober- fläche). Diese Veränderungen breiten sich langsam zu den Randbereichen aus, sind dann aber insgesamt nur noch wenig sichtbar. Elektrophysiologische Untersuchungen Die Reizantworten im Ganzfeld-Elektroretinogramm (ERG) sind wiederum abhängig von der Art des zuerst betroffenen Rezeptorzelltypus. Bei einer Stäbchen-Zapfen-Dystrophie sind die Antworten im skotopischen ERG (stäbchen-abhängig) vermindert, bei einer Zapfen-Stäbchen-Dystrophie die Antworten im photopischen ERG (zapfenabhängig). Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sind aber bei beiden Dystrophieverläufen Beeinträchtigungen sowohl im skotopischen als auch im photopischen ERG messbar. Die Untersuchung durch ein multifokales Elektroretinogramm (mfERG) zeigt bei einer Stäbchen- Zapfen-Dystrophie zunächst nur eine verminderte Antwort der randständigen Zapfen; im weiteren Verlauf der Erkrankung setzt sich dieser Prozess nach innen zum Sehzentrum (Makula) fort, bis im Spätstadium nur noch im ganz zentralen Bereich, wenn überhaupt, Zapfenantworten nachweisbar sind. Bei einer Zapfen-Stäbchen- Dystrophie sind die Zapfenantworten überall vermindert. Das Elektrookulogramm (EOG) ist beim Bardet-Biedl-Syndrom im unterschiedlichen Ausmass vermindert. Genetik und Pathomechanismus. Das Bardet-Biedl-Syndrom ist eine autosomalrezessiv vererbte Erkrankung. Bisher wurden sieben Genorte gefunden, deren Veränderungen (Mutation) für dieses Syndrom verantwortlich gemacht werden. Abhängig davon, welcher Genort verändert vorliegt, sind Verlauf und Merkmale der Erkrankung. Die Genveränderungen führen letztendlich zu funktionsgestörten Rezeptorzellen; der Stofftransport zur Ernährung der Zapfen und Stäbchen ist gestört, dadurch gehen sie zugrunde. Therapie. Eine ursächliche Behandlungsmöglichkeit des Bardet-Biedl-Syndroms gibt es bisher nicht. Wichtig ist aber eine Behandlung der Polydactylie und die medizinische Überwachung und Behandlung der in diesem Syndrom auftretenden weiteren Erkrankungen (Ernährungsberatung bei Adipositas, regelmässige internistische Kontrolle der Nierenfunktion und logopädische Therapie). Quelle: SND-Projekt, Berlin Lebersche kongenitale Amaurose (LCA). Diese Krankheit ist benannt nach dem Heidelberger Augenarzt Theodor Leber und ist nicht zu verwechseln mit der Leberschen hereditären Optikusatrophie, einer erblichen Erkrankung des Sehnervs. Die Lebersche kongenitale (angeborene) Amaurose (Erblindung) umfasst eine uneinheitliche Gruppe von Netzhaut-Aderhaut-Dystrophien, hervorgerufen durch eine Funktionsstörung des Pigmentepithels der Netzhaut, die zum Funktionsverlust der Netzhaut und zur Degeneration der Aderhaut führt. In Deutschland leben schätzungsweise 2000 Betroffene. Verlauf. Eine ausgeprägte Sehbeeinträchtigung oder Blindheit besteht schon bei der Geburt oder tritt im ersten Lebensjahr ein. Eine Lichtwahrnehmung ist meist noch vorhanden, in manchen Fällen erreicht die Sehschärfe (Visus) einen Wert von 20 Prozent. Die Sehreste bleiben oft viele Jahre erhalten. Manche Kinder versuchen durch Fingerdruck auf den Augapfel Lichterscheinun- gen auszulösen (so genanntes okulodigitales Phänomen). Bei der Gesichtsfelduntersuchung sind meist nur kleine Gesichtsfeldrestinseln im Zentrum der Netzhaut nachweisbar. Die Blendungsempfindlichkeit ist herabgesetzt, viele Kinder wenden sich starken Lichtquellen zu («Lichthunger»). Nachtsehprobleme bis hin zur Nachtblindheit ebenso wie Störungen des Farbensehens sind Symptome bei der Leberschen kongenitalen Amaurose. Typischer augenärztlicher Befund. Als Befunde bei der Untersuchung der vorderen Augenabschnitte werden Augenzittern (Nystagmus, unwillkürliche Augenbewegungen in eine oder mehrere Richtungen) und Schielen (Strabismus) angegeben. Die Lichtreaktion der Pupillen ist herabgesetzt oder fehlt, häufig sind auch Weitsichtigkeit (Hyperopie) und eine früh auftretende Linsentrübung (grauer Star/Katarakt). Bei der Untersuchung der hinteren Augenabschnitte ist der Augenhintergrund zu Beginn der Erkrankung eher unauffällig. Im weiteren Verlauf können die Befunde sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Man findet Schäden im Pigmentepithel, «knochenkörperchenförmige» Ablagerungen, Blutgefässverengungen und eine Rückbildung des Sehnervs (Optikusatrophie). Elektrophysiologische Untersuchungen. Im Ganzfeld-Elektroretinogramm (ERG) sind schon sehr früh weder stäbchenabhängige (skotopische) noch zapfenabhängige (photopische) Reizantworten abzuleiten, sie sind erloschen. Bestenfalls sind mit sehr hoher Lichtintensität noch Netzhautantworten auslösbar. Auch im multifokalen Elektroretinogramm (mfERG) sind schon frühzeitig die Zapfenantworten erloschen, genauso wie die Ableitungen im Elektrookulogramm (EOG). Genetik und Pathomechanismus. Bisher wurden eine Reihe von Genen beschrieben, deren Veränderung (Mutation) die Lebersche kongenitale Amaurose verursachen. Der Erbgang ist in den meisten Fällen autosomal rezessiv, aber auch autosomal dominant vererbte Gendefekte können in selteneren Fällen die Ursache sein. Bei schätzungsweise bis zu 15 Prozent der Betroffenen liegt eine Genmutation im so genannten RPE65-Gen vor. Dies führt letztendlich zu einer umfassenden Funktionsstörung im Pigmentepithel der Netzhaut, hervorgerufen durch ein durch diese Mutation defektes Enzym, das bei der Regeneration des Sehfarbstoffes eine entscheidende Rolle spielt. Therapie. Im tierexperimentellen Stadium befindet sich derzeit eine Gentherapie mit Hunden, die aufgrund einer Mutation im RPE65-Gen an Leberscher kongenitaler Amaurose erkrankt sind und die Anlass zu Hoffnungen gibt. Eine ursächliche Therapie für diese Form von Netzhautdegeneration gibt es bisher nicht. Da in der frühen Kindheit beginnende Netzhauterkrankungen im Zusammenhang mit weiteren Symptomen in Form eines Syndroms auftreten, sollten durch weitere Untersuchungen, auch neurologischer Art, ein mögliches Vorhandensein anderer Organerkrankungen, insbesondere Nierenfehlbildungen und eventuell neurologische Störungen wie Epilepsie ausgeschlossen werden. Aufgrund der Aktualität des Forschungsfortschritts gab es einige Artikel in Retina aktuell zu der speziellen Unterform RPE65 (RA 85, RA 83), auf die hingewiesen wird. Quelle: SND-Projekt, Berlin
Copyright © 2011 Retina Suisse