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Die Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Retinitis pigmentosa (RP), Makuladegeneration, Usher Syndrom und anderen degenerativen Netzhauterkrankungen

Retina Suisse Journal

Ausgabe 1-2/2006

Ist die Altersblindheit genetisch festgelegt?

Hinweise für unterschiedlich aktive Regulationsproteine

Nicola von Lutterotti, 8021 Zürich

An der Entstehung der altersabhängigen Makula-
Degeneration (AMD), der häufigsten Ursache für
den Verlust des Augenlichts im Alter, scheinen
erbliche Faktoren massgeblich mitzuwirken. Das
legen zumindest die jüngsten Erkenntnisse ame-
rikanischer Wissenschafter nahe, die den geneti-
schen Hintergrund von 900 Personen mit AMD
und 400 Gesunden untersucht haben. Der Augen-
arzt Rando Allikmets von der Columbia Univer-
sity in New York City und seine Kollegen gehen
seit geraumer Zeit der Frage nach, inwieweit erb-
liche Einflüsse an der Ausbildung der verbreite-
ten Alterssehschwäche beteiligt sind. Ihr Augen-
merk richteten sie dabei auf genetisch bedingte
Varianten einer bestimmten Gruppe von Eiweiss-
stoffen, die bei der Immunabwehr eine wichtige
Rolle spielen. Bei den anvisierten Proteinen han-
delt es sich um Vertreter des sogenannten Kom-
plementsystems, einer entwicklungsgeschichtlich
alten immunologischen Waffe. Zu den Aufgaben
dieser Verteidigungstruppe gehört es, Mikroor-
ganismen wie Bakterien und Viren zu vernichten.
Mitunter schiesst das Komplementsystem aller-
dings über dieses Ziel hinaus und zerstört dann
nicht nur den Feind, sondern auch das körperei-
gene Gewebe. Auf einem solchen Flurschaden
scheinen etliche Autoimmunkrankheiten zu beru-
hen, etwa bestimmte Nierenleiden und rheumati-
sche Gelenkentzündungen.
Wie die Ergebnisse der amerikanischen Forscher
nahelegen, stellt möglicherweise auch die alters-
abhängige Makula-Degeneration die Folge eines
aus den Fugen geratenen Komplementsystems
dar. Gekennzeichnet ist dieses Augenleiden
durch einen schleichenden Untergang der Netz-
haut im Zentrum des schärfsten Sehens, der Ma-
kula. Den Betroffenen fällt es daher zunehmend
schwerer, zu lesen oder Personen und Gegen-
stände zu erkennen. Welche Ursachen der AMD
genau zugrunde liegen, ist noch unklar. Man
weiss lediglich, dass bestimmte Umwelteinflüsse,
etwa Tabakrauch und Sonneneinstrahlung, das
Erkrankungsrisiko erhöhen.

Für mehr Klarheit sorgen nun die Beobachtungen
der amerikanischen Arbeitsgruppe. Demnach
liegt ein bestimmtes Regulationsprotein des
Komplementsystems bei Patienten mit AMD auf-
fallend oft in einer zu «trägen» Spielart vor. Das
besagte Eiweiss, genannt Faktor H, sorgt norma-
lerweise dafür, dass die Attacken des Komple-
mentsystems nicht aus dem Ruder laufen. Die bei
Patienten mit AMD häufig beobachtete Variante
dieses Faktors verfügt demgegenüber nur über
eine sehr schwache immunbremsende Wirkung.
Wie die Autoren spekulieren, können sich Perso-
nen mit dieser Proteinvariante möglicherweise
besonders erfolgreich gegen Krankheitserreger
zur Wehr setzen, sind zugleich aber nicht in der
Lage, das Komplementsystem hinreichend zu
bändigen. In die gleiche Richtung weist auch die
Beobachtung, wonach die Netzhaut von Patien-
ten mit AMD grössere Mengen an Faktor H und
anderen Bestandteilen des Komplementsystems
enthielt als jene von gesunden Personen.
Wie die Wissenschafter weiter berichten, ent-
deckten sie auch in anderen Regulationsprotei-
nen des Komplementsystems genetisch bedingte
Abwandlungen, die das AMD-Risiko beeinfluss-
ten. Einige davon schienen die Erkrankungsge-
fahr zu vermindern, andere hingegen zu erhö-
hen. Insgesamt konnten die Autoren fast drei
Viertel aller Fälle von AMD auf die von ihnen un-
tersuchten Proteinvarianten zurückführen. Dies
stellt freilich noch keinen Beweis dafür dar, dass
die betreffenden Eiweisse tatsächlich an der Aus-
bildung der Alterssehschwäche mitwirken. Den-
noch scheint ein solcher Hergang plausibel, zu-
mal das Komplementsystem seinen Aufgaben als
Immunwächter auch im Auge nachkommt.
Weitere Studien müssen nun zeigen, inwieweit
sich die Beobachtungen der amerikanischen For-
scher bestätigen lassen und ob man sie eventuell
therapeutisch nutzen kann.

Nature Genetics, Online-Ausgabe vom 5. März 2006
In: NZZ 15.03.06

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